In den letzten Jahren und Jahrzehnten wurden einige Geheimnisse rund um das Thema Stimme gelüftet. Nach wie vor gibt es jedoch zahlreiche Mythen und Missverständnisse. Eines dieser Missverständnisse bezieht sich auf die Frage, wie denn beim Sprechen oder Singen „richtig“ zu atmen sei: durch die Nase oder lieber doch durch den Mund? Selbst Fachleute geben unterschiedliche Antworten auf diese Frage. Deswegen möchte ich Sie einladen, sich selbst ein Bild zu machen. Sind Sie bereit?

Atem-Experiment

Nehmen Sie ein beliebiges Volkslied, z.B. „Der Mond ist aufgegangen“, und singen Sie die erste Strophe jeweils zweimal. Falls Sie sich nicht recht trauen zu singen, dann nehmen Sie die einleitenden Sätze dieses Blogartikels und lesen diese zweimal. Beim ersten Mal mit Nasenatmung: in jeder Atempause Mund schließen und bewusst durch die Nase einatmen, um die neue Liedzeile zu singen bzw. den neuen Satz oder Satzteil zu sprechen. Beim zweiten Mal mit Mundatmung: in jeder Atempause Kiefer freudig-erstaunt lösen, so dass das Kinn nach unten sinkt und wie von selbst der Atem einströmt.

Wie fühlen sich die jeweiligen Varianten an? Wie aufwändig oder unaufwändig ist das Atmen und das Singen? Wie klingt Ihre Stimme? Sicherlich nehmen Sie wahr, dass die Atmung durch den Mund irgendwie einfacher und leichter geht und sich auch die Stimme dabei wohler fühlt. Doch woran liegt das?

Mundatmung vs. Nasenatmung

Zum einen ist bei einer staunenden Einatmung durch den Mund ist ein reflexmäßiges Lösen der gesamten Diaphragmen-Kette leichter möglich – vom Beckenboden über das Zwerchfell, die Stimmlippen und den Gaumen bis hin zum Scheitel. Das subtile „Staunen“ ermöglicht Öffnung, Weitung – sowohl im Atemsystem als auch im Kehlkopf, Mund und Rachen. Das freut die Stimme. Zum anderen ist der Strömungswiderstand beim Einatmen durch den Mund relativ gering, dadurch gelingt es leichter, schnell viel Luft einzuatmen.

Die Nasenatmung hat jedoch auch Vorteile. Im Gegensatz zur Mundatmung wird die Luft besser angefeuchtet, angewärmt und gereinigt. Dafür ist jedoch der Strömungswiderstand wesentlich höher. Es gelingt nicht so gut, schnell viel Luft durch die Nase einzuatmen. Eine rasche Einatmung durch die Nase erfordert einen vergleichsweise hohen Kraftaufwand. Ein reflexmäßiges Lösen des Beckenbodens ist durch die forcierte Einatmung weniger gut möglich. Die Gefahr ist groß, dass Atemhilfsmuskeln im Schulter- und Halsbereich aktiv werden.

Faustregel Nasen- und Mundatmung

Sie sehen: es gibt keine per se „richtige“ Atmung. Atmung ist immer dann „richtig“, wenn sie Sie in dem, was Sie tun und ausdrücken wollen, nicht blockiert, sondern optimal unterstützt. Als Faustregel kann gelten: Atmen Sie durch den Mund, wenn Sie sprechen oder singen! Atmen Sie durch die Nase, wenn Sie schweigen! Ausnahmen bestätigen – wie immer – die Regel.